Studienfahrt der 10c nach Prag
Prag, die
„Goldene Stadt“, Ziel der Studienfahrt der Klasse 10c
vom 7. bis 11. November 2005
Golden
erlebten die 15 Schüler und ihr Schmuckmädchen Julia, die Klasse 10c der
Staatlichen Realschule Lindau also,
die Hauptstadt Tschechiens nicht gerade,
denn die Sonne, die ihr goldenes Herbstlicht über die im Mittelalter,
genauer
zur Zeit Karls IV., teilweise mit dem wertvollen Edelmetall gedeckten Dächern hätte
ausgießen können,
sahen wir wenig.
Wozu auch?
Verbrachten die meisten Schüler doch ihre gesamte freie Zeit unter den Dächern
der Markthallen,
wo heute asiatische, meist vietnamesische, Händler mit ihren
gefälschten Markenwaren auf kaufwillige Touristen warten.
Hier übten die
Realschüler sich – erfahren in
Rechnungswesen und betriebswirtschaftlichem Denken – im Handeln,
hier wurde
Marktwirtschaft trainiert. Dass manch einer bettelarm an Barem, aber mit einem
Arm voll Kapuzenpullis und
T-Shirts am Treffpunkt erschien, zeigt, dass
zumindest die asiatischen Händler die Reise der Lindauer nach Tschechien
als
Erfolg buchen konnten.
Glücklicherweise für die
Geldbörsen der Eltern war die Zeit für den Asiamarkt aufgrund eines
umfangreichen touristischen
Programms begrenzt. Ob nun die Führung durch den
Hradschin, ein Name, der nicht nur für die berühmte Prager Burg,
sondern für
den ganzen Stadtteil oberhalb der Moldau und der Kleinseite steht, oder die
Wanderung durch die Altstadt,
immer zeigten sich die jugendlichen Besucher vom
Bodensee aufmerksam und interessiert; zumindest simulierten sie
diese Haltung überzeugend.
Nein, bei vielen war das Interesse durchaus vorhanden, denn es hatte sich ja
jeder mit einem
Thema zur Stadt schon im Vorfeld intensiv befasst und war bereit
nach der Rückkehr ein Referat über seine Erkenntnisse
zu halten. Und weil das
Motto: „Du siehst nur, was du kennst!“ einfach nicht zu widerlegen ist,
sahen viele die
Stadt mit anderen Augen, als ohne eine derartige Vorbereitung.
Sogar in der Franz-Kafka- Gedenkstädte in seinem
Geburtshaus nahe dem Altstädter
Ring ließen die Jugendlichen klaglos einen zwar interessanten, aber etwas
ungewohnt
aufgebauten Film über das Leben des Dichters in Prag über sich
ergehen.
Zweimal verließen wir die Stadt
mit unserem rot und popig gestalteten Bus
der Firma Jugendtours, die unsere Reise
organisiert hatte, die Stadt. Einmal
besuchten wir die hervorragend erhaltene mittelalterliche Burg Karlstein, die
einstmals
von Karl IV. zur Aufbewahrung der Kron- und Reichsinsignien erbaut
worden war. Der freundlichen, aber durch deren auswendig
gelerntes
deutschsprachiges
Führungsprogramm, extrem langweiligen Burgbegleiterin über
eine Stunde zu folgen, ohne Protest anzumelden, war schon eine
beeindruckende
Leistung für Halbwüchsige.
Auf größeres
Interesse stieß die Führung durch das moderne Skodawerk in der Nähe von Prag.
Diese von VW übernommene
Firma baut Autos in modernsten Fertigungsanlagen und
wir konnten den Ausbau der Innenraumes von Fahrzeugen von einem
Besucherbalkon
aus beobachten. Interessant auch das Museum, das mit Fahrzeugen der Firma seit
deren Gründung als
Fahrradreparaturwerkstätte vor über 100 Jahren
ausgestattet war.
Damit die
Abende nicht ausschließlich dem Konsum des im hotelnahen Kaufmarkt in fester
und flüssiger Form Erworbenen
gewidmet werden konnten, gab es auch zwei
Abendtermine. Am Mittwoch besuchten wir die angeblich größte innerstädtische
Disco Europas direkt neben der berühmten alten Karlsbrücke. Zwar waren wir
gegen 21 Uhr noch so gut wie allein in dem
mehrstöckigen Areal; das machte aber
den Wenigsten etwas aus, denn zum Tanzen etwa oder gar um Mädchen kennen zu
lernen
waren die Lindauer Jungs (es gab nur eine Ausnahme) sowieso nicht hierher
gekommen. Es ging hauptsächlich darum,
die Gelegenheit auszunützen Bier für
nur 20 Kronen, das ist deutlich weniger als ein Euro, durch die Kehle rinnen zu
lassen.
So war es den begleitenden Lehrkräften, Peter Winchenbach und
Klassenleiter Wolfgang Sutter durchaus Recht,
dass der Bus uns bereits kurz nach
Mitternacht wieder abholte.
Der letzte Abend sollte ein Höhepunkt der Reise werden. Es war gelungen,
Karten für die berühmte Laterna Magica zu bekommen.
Dass dies gar kein so großer
Erfolg war, wie wir ursprünglich dachten, zeigte der nur zur Hälfte gefüllte
riesige Zuschauerraum.
Das Zirkusstück, das an diesem Abend auf dem Programm stand, war wohl schon
fast dreißig Jahre alt. Trotzdem vermochte
die angewandte Technik der
Vermischung von realem Tanztheater und Filmsequenzen durchaus zu gefallen.
Wie
schon auf der Hinfahrt begleitete uns im Bus eine multikulturelle gemischte
Klasse einer Münchener Wirtschaftsschule
und einige Kilometer vor München kam
es tatsächlich zu ersten Kontakten zwischen den beiden Schülergruppen.
Man
brachte es noch zu ein bis zwei Kartenspielen, bevor diese gleichaltrigen
Mitreisenden uns nahe der
Allianz Arena in Fröttmaning bei München schon
wieder verließen.
Müde, aber in Vorfreude auf den
nach zwei Schultagen schon wieder winkenden schulfreien Buß- und Bettag,
konnten die Pragreisenden von ihren Müttern oder Vätern am Lindauer Bahnhof
wieder in die Arme geschlossen werden.
Wolfgang B. Sutter
